Was, wenn die Zukunft des Büros nicht mit einem neuen Möbelstück oder einem Raum beginnt – sondern mit der Frage, was bereits da ist?
Genau darum ging es bei Circular Spec by Klöber & Hauser im IDX81 München. Im Rahmen unseres Workshops kamen Designschaffende & Interior-Professionals zusammen, um über zirkuläres Interior zu sprechen – über Materialien, Konstruktionen, Rohstoffe und neue Denkweisen für Räume, die nicht beim Rückbau enden.
Gemeinsam mit Prof. Dr. Sascha Peters von HAUTE INNOVATION wurde schnell klar: Circular Design ist kein Add-on. Es ist eine neue Planungsrealität. Und sie beginnt viel früher als beim Recycling. Sie beginnt bei der ersten Entscheidung für ein Material, eine Verbindung, eine Oberfläche, ein Produkt.
Denn ein Raum besteht nie nur aus Gestaltung.
Er besteht aus Ressourcen.
Aus Holz, Metall, Textilien, Schäumen, Mineralien, Kunststoffen, Fasern, Beschichtungen. Aus Energie, Transportwegen, Produktionsprozessen. Aus Entscheidungen, die irgendwann getroffen wurden – und später wieder relevant werden.

Räume sind keine fertigen Bilder. Sie sind Materialgeschichten.
In der Architektur und im Interior Design denken wir Räume oft von ihrer Wirkung her.
Wie fühlt sich ein Ort an?
Wie klingt er?
Wie arbeitet man darin?
Wie bewegt man sich durch ihn?
Circular Spec hat diese Fragen um eine zweite Ebene erweitert:
Was passiert mit all dem, wenn der Raum sich verändert?
Wenn Teams wachsen.
Wenn Flächen neu gedacht werden.
Wenn Möbel ausziehen.
Wenn Materialien zurückgebaut werden.
Plötzlich wird ein Stuhl mehr als ein Stuhl. Ein Boden mehr als Oberfläche. Ein Akustikpaneel mehr als Raumwirkung. Alles wird Teil eines Kreislaufs oder fällt aus ihm heraus.
Und genau darin lag der Grundgedanke von Circular Spec – sich genau über diese Fragen Gedanken zu machen & im besten Fall gleich Lösungen oder Denkanreize mit neuen Produkten & Materialen zu schaffen.
Future Office Design heißt: nicht immer bei Null anfangen
Die Bürobranche ist in Bewegung. Arbeitswelten verändern sich schneller als je zuvor. Hybride Nutzung, neue Flächenkonzepte, mehr Fokus auf Akustik, Rückzug, Kommunikation und Begegnung.
Aber wenn sich Räume immer schneller verändern, darf Planung nicht automatisch bedeuten: alles neu.
Was kann bleiben?
Was kann weiterziehen?
Was kann repariert, wiederverwendet, neu kombiniert oder zurückgeführt werden?
Im Workshop wurde genau dieser Perspektivwechsel greifbar. Es ging nicht um Verzicht. Und auch nicht um die eine perfekte Lösung. Es ging um ein anderes Verständnis von Wert.
Ein Produkt ist nicht wertlos, nur weil es an einem Ort nicht mehr gebraucht wird.
Ein Material ist nicht am Ende, nur weil ein Raum neu gedacht wird.
Vielleicht beginnt genau hier die spannendste Form von Nachhaltigkeit.



Zirkulär ist ein schönes Wort. Aber was bedeutet es wirklich?
Eine der stärksten Fragen des Workshops war:
Welche Lösungen sind wirklich zirkulär – und welche klingen nur so?
Denn Circular Economy ist nicht automatisch gegeben, nur weil ein Material nachhaltig wirkt oder ein Produkt recycelt werden kann. Zirkularität muss konstruiert, geplant und nachgewiesen werden.
Kann ein Produkt demontiert werden?
Sind Materialien trennbar?
Gibt es Rücknahmeprozesse?
Ist Reparatur möglich?
Sind Nachweise verfügbar?
Kann ein Material wirklich in einen Kreislauf zurück?
Genau hier wurde der Workshop besonders hilfreich für die Planungspraxis. Nicht als reine Inspiration, sondern als Werkzeug für bessere Fragen. Für Ausschreibungen. Für Gespräche mit Bauherren. Es wurden eine Vielzahl von Möglichkeiten gezeigt, die Grundlage für Gespräche in Projekten bieten können.
Das Materiallabor der Zukunft ist längst geöffnet
Besonders spannend war im Workshop, das Circular Economy nicht mehr abstrakt war, sondern sichtbar wurde.
Wir konnten fast alle Baustoffe, Materialen selbst in der Hand halten & anschauen und uns damit ein echtes Bild machen.
Pilzmyzel.
Hanfleder.
Kunststofffreie Farben aus Pflanzenextrakten.
Holzbausteinsysteme.
Molekulare Holzfärbung.
Waschbecken aus Holzzellulose.
Proteinbasierter Holzschutz.
Monomaterial-Konzepte.
Materialien, die fast klingen, als kämen sie aus einem Zukunftsarchiv – und doch längst Teil aktueller Entwicklungen sind. Laut Prof. Dr. Sascha Peters von HAUTE INNOVATION bieten biozirkuläre Materialien nicht nur Möglichkeiten zur CO₂-Reduktion, sondern helfen auch dabei, Produktkreisläufe zu schließen und neue Geschäftsfelder in der Möbel- und Interior-Branche zu erschließen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es für Designschaffende wirklich spannend wird:
Nachhaltigkeit muss nicht nach Kompromiss aussehen.
Sie kann eine neue Ästhetik hervorbringen.
Neue Oberflächen.
Neue Haptiken.
Neue Materialehrlichkeit.
Neue Geschichten.



Der Pfandflaschen-Moment
Manchmal braucht es ein ganz einfaches Bild, damit ein komplexes System plötzlich logisch wird.
Im Workshop war dieses Bild: die Pfandflasche.
PET steht oft sinnbildlich für Kunststoff, Verpackung, Wegwerfgesellschaft. Gleichzeitig zeigt gerade das deutsche Pfandsystem, wie stark ein Material werden kann, wenn es nicht linear gedacht wird. Zurückbringen. Sammeln. Reinigen. Wiederverwenden. Wieder in Umlauf bringen.
Im Workshop fiel die Zahl, dass eine PET-Mehrwegflasche bis zu 42 Mal wiederverwendet werden kann.
Und genau diese Zahl bleibt hängen.
Weil sie zeigt: Nachhaltigkeit hängt nicht nur am Material selbst. Sondern am System dahinter.
Die spannende Frage war deshalb nicht einfach:
Ist PET nachhaltig oder nicht?
Sondern viel eher:
Was passiert, wenn ein Material, das eigentlich kritisch betrachtet wird, durch Rücklauf, Wiederverwendung und klare Prozesse plötzlich Teil eines funktionierenden Kreislaufs wird?
Und noch größer gedacht:
Was würde passieren, wenn PET einfach abgeschafft würde? Würden die Alternativen wirklich besser funktionieren? Oder würden neue Materialien entstehen, für die es vielleicht noch gar keine vergleichbaren Rücklauf- und Wiederverwendungssysteme gibt?
Genau hier wurde der Workshop besonders interessant: Circular Design ist nicht schwarz oder weiß. Es geht nicht darum, ein Material pauschal gut oder schlecht zu nennen. Es geht darum, die gesamte Kette zu verstehen.
Wo kommt ein Material her?
Wie lange bleibt es im Einsatz?
Kann es zurückgeführt werden?
Gibt es eine Infrastruktur dafür?
Und wie oft kann es genutzt werden, bevor es wirklich aus dem Kreislauf fällt?
Übertragen auf Interior und Office Design wird daraus eine ziemlich starke Frage:
Was wäre, wenn Möbel, Materialien und Bauteile ähnlich gedacht würden wie ein Pfandsystem?
Nicht als lineare Produkte, die irgendwann verschwinden.
Sondern als Elemente eines Rücklaufsystems. Als Dinge, die wieder auftauchen. In einem anderen Raum. In einer anderen Funktion. In einer neuen Phase.
Vielleicht liegt die Zukunft nachhaltiger Materialien also nicht nur darin, was wir verwenden.
Sondern darin, wie gut wir es im Kreislauf halten.
Kreislaufwirtschaft braucht nicht nur gute Produkte. Sie braucht Infrastruktur.
Genau das wurde nach diesem Beispiel besonders deutlich: Zirkularität entsteht nicht allein durch ein besseres Material. Und auch nicht allein durch ein besseres Produkt.
Sie braucht ein System. Denn nur wenn klar ist, wo ein Material herkommt, wie lange es genutzt wurde, wohin es zurückgeführt werden kann und welchen Wert es noch hat, kann aus Nachhaltigkeit mehr werden als ein gutes Versprechen.
Auch in der Bürobranche entstehen dafür bereits neue Ansätze. Der Industrieverband Büro und Arbeitswelt IBA hat mit newen eine digitale Plattform angekündigt, mit der Möbelbestände erfasst, geordnet in den Markt zurückgeführt und ihre Weiterverwendung oder Verwertung nachvollziehbar dokumentiert werden sollen.
Das zeigt, wie sehr sich die Branche verändert.
Die Frage ist nicht mehr nur:
Welches Produkt ist nachhaltiger?
Sondern:
Gibt es ein System, das Nachhaltigkeit überhaupt möglich macht?
Und genau hier wird Circular Spec so relevant für das gesamte Design Netzwerk. Denn zirkuläres Interior beginnt nicht erst beim Rückbau. Es beginnt bei der Spezifikation. Bei der Materialwahl. Bei der Frage, ob Verbindungen lösbar sind, ob Produkte repariert werden können und ob Materialien nach ihrer Nutzung wieder in einen Kreislauf finden.
Und dann ist da noch die CO₂-Frage
Natürlich ging es auch um Emissionen. Um Energie. Um Produktion. Um die Schwierigkeit, in einer immer komplexeren Materialwelt den Überblick zu behalten.
Deutschland verfolgt das Ziel, bis 2045 Netto-Treibhausgasneutralität zu erreichen. Für die Bau-, Interior- und Office-Branche bedeutet das: Jede Entscheidung wird relevanter.
Jedes neu produzierte Produkt.
Jede Konstruktion, die sich nicht lösen lässt.
Jeder Rohstoff, der nur einmal gedacht wurde.
Jedes Material, das keinen Weg zurück hat.
Eine Frage aus dem Workshop bleibt deshalb besonders hängen:
Wie klimaneutral kann etwas sein, das jedes Mal neu produziert werden muss?
Vielleicht ist genau das der Kern von Future Office Design:
nicht nur schöner planen, sondern klüger weiterdenken?
Über dieses Thema hätten wir vermutlich noch stundenlang weiterdiskutieren können – denn schnell wurde deutlich, wie relevant Circular Economy für alle Teilnehmenden aus den unterschiedlichen Branchen ist.
Was bleibt?
Nach diesem Nachmittag bleibt vor allem ein anderer Blick.
Auf Räume.
Auf Materialien.
Auf Möbel.
Auf Rohstoffe.
Auf das, was nach der Nutzung kommt.
Circular Spec hat gezeigt: Zirkuläres Interior ist kein Zukunftsthema, sondern beginnt jetzt – in Planung, Materialwahl und Gestaltung.
Zum Abschluss haben wir den Abend auf der Dachterrasse des IDX81 München ausklingen lassen. Danke an Artemide, Ege und Gabriel, die uns diesen schönen Rahmen ermöglicht haben.


Danke
Danke an Prof. Dr. Sascha Peters von HAUTE INNOVATION für den inspirierenden Input, die Materialtiefe und den klaren Blick auf eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.
Danke an Klöber für das Workshopformat Circular Spec und die fachliche Auseinandersetzung mit zirkulären Materialien, Konstruktionen und Produktstrategien.
Und danke an alle Gäste aus unserem Design Office Network für die offenen Fragen, den Austausch und die gemeinsame Lust, Office Design nicht nur schöner, sondern intelligenter, langlebiger und verantwortungsvoller zu denken.
Wir feuen uns sehr das im Rahmen unserer Netzwerkevents für mehr Austausch in der Office Design Welt immer wieder tolle neue Inputs für alle Entstehen und freuen uns umso mehr auf kommende Veranstaltungen.
Mehr Eindrücke findet ihr auf unseren Instagram.
Liebe Grüße,
Giulia